‍Ein Artikel in der amerikanischen Zeitschrift Noema hat uns aufhorchen lassen. Nils Gilman, Vizedirektor des Berggruen Institute, argumentiert dort, dass die Ära der Wissensarbeit im klassischen Sinne zu Ende geht – und dass das, was wirklich zählt, etwas ist, das sich weder programmieren noch automatisieren lässt: Urteilsvermögen.


‍Sein Begriff dafür ist die Judgment Economy – eine Wirtschaft, in der nicht mehr die Fähigkeit entscheidet, Informationen zu verarbeiten und auszugeben, sondern die Fähigkeit, in komplexen, widersprüchlichen und ambigen Situationen tragfähige Entscheidungen zu treffen.


‍Wir lesen das nicht als technologisches Zukunftsszenario. Wir lesen es als präzise Beschreibung dessen, wofür wir in der Organisationsentwicklung seit Jahren arbeiten – und wofür unser Curriculum OEsys konzipiert ist.


‍Was Gilman sagt

‍Der Kern seiner These ist so einfach wie unbequem: Wer seinen Wert in einer Organisation primär daraus bezieht, Daten zu verarbeiten, Texte zu produzieren oder Code zu schreiben, steht auf dünnem Eis. KI übernimmt diese Tätigkeiten – schneller, billiger, ermüdungsfreier.


‍„The most prized future workers will be those who can decode a sea of outputs, spot the meaningful signal and translate it into action that others understand and trust."

‍— Nils Gilman, Noema Magazine


‍Was bleibt dem Menschen? Gilman nennt drei Fähigkeitsbereiche, die an Wert gewinnen: die Fähigkeit zur interpersonellen und organisationalen Ausrichtung (Überzeugung, Verhandlung, Führung), zur kontextuellen und strategischen Interpretation (Einschätzung von Risiken, Deutung von Signalen, langfristiges Denken) und zur kreativen Synthese über Disziplinen hinweg.


‍Er bringt dabei einen Begriff ins Spiel, der aufhorchen lässt: Metakognition – die Fähigkeit, das eigene Denken zu beobachten, zu regulieren und zu beurteilen. Das sei, so ein Harvard Business Review-Artikel, den er zitiert, die entscheidende Voraussetzung dafür, neben leistungsstarken KI-Systemen wirkungsvoll zu bleiben.


‍„One of the great ironies of this new machine age is that it seems set to rehabilitate, quite precisely, the value of the traditional 'liberal arts' education."

‍— Nils Gilman, Noema Magazine


‍Mit anderen Worten: Nicht die Spezialisierung auf ein technisches Nischenfeld, sondern die Breite des Denkens, die Fähigkeit zur Beobachtung, zur Ambiguitätstoleranz und zum Urteil unter Unsicherheit – das sind die Kompetenzen, die sich als zukunftsfest erweisen.


‍Was das mit Organisationen zu tun hat

‍Gilmans Analyse bezieht sich auf individuelle Karrieren. Aber sie beschreibt präzise, was in Organisationen als Ganzes gebraucht wird – und was dort systematisch unterentwickelt bleibt.


‍Organisationen sind – das haben wir in einem früheren Beitrag beschrieben – keine trivialen Maschinen. Sie produzieren strukturell Widersprüche: Stabilität und Veränderung, Effizienz und Resilienz, Zentralisierung und Dezentralisierung. Diese Widersprüche lassen sich nicht auflösen. Sie wollen gehalten, ausgebalanciert, produktiv gemacht werden.


‍Genau das erfordert Urteilsvermögen. Nicht das Befolgen von Regeln, nicht das Anwenden von Checklisten – sondern die Fähigkeit, in unübersichtlichen Situationen eine tragfähige Einschätzung zu entwickeln und daraus zu handeln.


‍Und genau diese Fähigkeit, so Gilman, ist nicht angeboren. Sie ist erlernbar. Aber sie verlangt eine andere Art von Lernen – keine Wissensvermittlung, sondern Entwicklung. Keine Methoden, sondern Haltung.


‍Warum das Curriculum OEsys genau hier ansetzt

‍Unser Weiterbildungscurriculum Organisationsentwicklung systemisch (OEsys) ist kein Tool-Training. Es ist ein Entwicklungsprogramm – für Menschen, die in Organisationen führen, begleiten oder beraten.

‍Was Gilman als Schlüsselkompetenzen der Zukunft beschreibt, ist das, woran OEsys systematisch arbeitet:


‍Beobachtungsfähigkeit

‍Wer Organisationen wirkungsvoll begleiten will, muss zunächst lernen, genauer hinzusehen – und zu erkennen, was er dabei selbst nicht sieht. Von Foerster nannte das den blinden Fleck des Beobachters. OEsys macht diesen Fleck sichtbar – und damit bearbeitbar.


‍Ambiguitätstoleranz

‍Widersprüche aushalten, ohne sie voreilig aufzulösen – das ist eine Kompetenz, keine Charaktereigenschaft. OEsys schafft Lernräume, in denen genau das geübt wird: nicht die schnelle Antwort, sondern die treffende Frage.


‍Urteilsvermögen unter Unsicherheit

‍In Modul 4 – Komplexität, Instabilität, Agilität – steht die härteste Frage im Mittelpunkt: Wie behalte ich Orientierung, wenn das Terrain sich permanent verändert? Nicht durch mehr Kontrolle, sondern durch klarere Wahrnehmung und reifere Einschätzung.


‍Metakognition

‍Das gesamte Curriculum ist so angelegt, dass die Teilnehmenden nicht nur über Organisationen nachdenken – sondern über ihr eigenes Denken in Bezug auf Organisationen. Das ist kein Luxus. Es ist, nach Gilman, die entscheidende Kompetenz der nächsten Dekade.


‍Interpersonelle Wirksamkeit

‍Überzeugung, Verhandlung, Vertrauen – Gilmans „interpersonal and organizational alignment" – sind keine Soft Skills am Rande. Sie sind die eigentliche Arbeit von Führungskräften und Berater:innen. OEsys trainiert diese Fähigkeiten nicht abstrakt, sondern in realen Situationen: echte Erstgespräche, echte Auftraggeber, echtes Feedback.


‍Eine Pointe zum Schluss

‍Gilman schreibt, die Ironie des KI-Zeitalters bestehe darin, dass es ausgerechnet jene Kompetenzen rehabilitiere, die lange als weich, unpraktisch oder akademisch abgetan wurden: Breite des Denkens, ethisches Urteil, historisches Bewusstsein, die Fähigkeit zur Perspektivübernahme.


‍In der Organisationsentwicklung wissen wir das schon länger – und haben OEsys genau dafür entwickelt. Wer Systeme begleiten will, die sich selbst nicht vollständig verstehen, braucht mehr als einen Methodenkoffer. Er braucht Haltung, Wahrnehmung und die Bereitschaft, im Widerspruch zu arbeiten.


‍Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft: Was KI nicht kann, ist nicht das, was wir bisher für selbstverständlich gehalten haben. Es ist das, wofür wir uns bisher zu wenig Zeit genommen haben.

Interesse geweckt?

Das OEsys-Curriculum 2026 startet im Juni. Anmeldeschluss ist der 8. Mai 2026.

Den vollständigen Artikel von Nils Gilman finden Sie hier: Noema Magazine


Wenn Sie wissen möchten, ob OEsys das Richtige für Sie oder Ihr Team ist, freuen wir uns auf ein unverbindliches Erstgespräch.


Josef M. Weber (Curriculumsleitung)
+43-664-3927427

weber@josefmweber.at

wienerakademie.com/oe-systemisch 



Manche Dinge lernt man am besten im Gespräch. Besonders wenn es um Urteilsvermögen geht.

WIENER AKADEMIE für Organisationsentwicklung

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